Studie zur Kollisionsgefahr von Vögeln an Windenergieanlagen

Konflikte zwischen Windenergie und Naturschutz
Der weitere Ausbau der Windenergie steht zunehmend unter dem Vorbehalt naturschutzfachlicher und -rechtlicher Bedenken. Insbesondere hinsichtlich der Prognose von Kollisionen von Vögeln an Windenergieanlagen (WEA) und deren Bewertung in Bezug auf mögliche Auswirkungen auf die Populationsentwicklung einzelner Arten ist die Unsicherheit groß. Systematische und generalisierbare Untersuchungen fehlten bislang.

PROGRESS-Studie
Vor diesem Hintergrund wurde von 2011-2015 die Studie „Ermittlung der Kollisionsraten von (Greif-) Vögeln und Schaffung planungsbezogener Grundlagen für die Prognose und Bewertung des Kollisionsrisikos durch Windenergieanlagen“ (kurz PROGRESS-Studie) durchgeführt. Gefördert wurde das Verbundprojekt, bestehend aus drei Gutachterbüros und einer Universität, durch das Bundeswirtschaftsministerium.

Kollisionsopfersuche und Flugbeobachtungen in 46 Windparks
Im Rahmen des Projektes wurden 46 Windparks im norddeutschen Raum (Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein und Niedersachsen) hinsichtlich der Kollisionsgefährdung von Greifvogelarten, Großvogelarten und weiterer, auf der jeweiligen Windparkfläche vorkommender Brut- und Rastvogelarten untersucht. Ein wesentlicher Bestandteil der Studie war es, eine Methode zu entwickeln, die eine systematische Suche nach Kollisionsopfern ermöglicht und generalisierbare Rückschlüsse auf zu erwartende Kollisionsraten einzelner Arten zulässt. Darüber hinaus wurden Flugaktivitäten beobachtet sowie Habitat- und WEA-Charakteristika der Windparks ausgewertet.

Bekannte Verhaltensweisen gegenüber WEA bestätigt
Wie bereits aus Vorgängerstudien bekannt, bestätigt die PROGRESS-Studie ein artspezifisches Verhalten gegenüber Windenergieanlagen, mit dem ein unterschiedliches Kollisionsrisiko einhergeht. Greifvögel halten sich häufig in der Nähe der WEA auf und zeigen weder ein Meideverhalten noch eine deutliche Ausweichreaktion. Auch bei häufigen Arten wie Star, Feldlerche, Tauben und Stockenten ist ein ähnliches Verhalten zu beobachten. Gänse und Kraniche umfliegen die WEA hingegen weiträumig. Bei Watvögeln ergibt sich ein uneinheitliches Bild.

Weiterer Untersuchungsbedarf beim Mäusebussard
Durch die PROGRESS-Studie rückt mit dem Mäusebussard eine neue Art in den Fokus des Artenschutzes. Die Ergebnisse weisen auf hohe Kollisionsraten und potenziell bestandswirksame Auswirkungen des Ausmaßes bisheriger Windenergienutzung hin. Derzeit ist dadurch zwar noch keine generelle akute Bestandsgefährdung zu erwarten, es kann jedoch regional zu starken Bestandsrückgängen kommen. Ein eindeutiger Zusammenhang zwischen dem regionalen Bestandsrückgang und dem Ausbau der Windenergie ist jedoch im Rahmen der Studie nicht feststellbar.

Bislang keine populationswirksamen Folgen für den Rotmilan und den Seeadler
Für den Rotmilan deuten die Ergebnisse daraufhin, dass der derzeitige Ausbau der Windenergienutzung keinen generellen Bestandsrückgang bewirkt, in Zukunft jedoch Vorsichtsmaßnahmen geboten sind. Für den Schutz des Seeadlers scheint die bisherige Planungspraxis geeignet, so ist eine starke Bestandszunahme parallel zum Ausbau der Windenergie zu beobachten. Insgesamt sollten die Ergebnisse laut eigener Aussage der Studie aufgrund der geringen Datenlage insbesondere für seltenere Arten mit Vorsicht interpretiert werden. Bei einem Streckenaufwand von 7.672 km wurden insgesamt 291 Vögel von 57 Arten gefunden (Totfunde im Mittel: 1 Totfund/27km). Nur von 15 dieser Arten gab es mindestens fünf Totfunde. Die größten Anteile machen die Arten Ringeltaube mit 41 Individuen und die Stockente mit 39 Individuen aus. Für die häufigen und ungefährdeten, und damit die am meisten im Untersuchungsraum vorkommenden Arten gibt die PROGRESS-Studie somit Entwarnung, da für diese auch bei einem weiteren Ausbau der Windenergie keine Bestandsgefährdung zu erwarten ist.

Bestehende Prognosemodelle bedingt geeignet
Aufgrund der Beobachtungen stellt die PROGRESS-Studie fest, dass sich die Flugaktivität allein nicht eignet, um Prognosen über zu erwartende Kollisionsraten im Vorfeld zu erstellen wie es bspw. das bislang verwendete BAND-Modell angenommen hatte. Auch stellte sich heraus, dass die Habitat- und WEA-Charakteristika kaum Rückschlüsse auf das Kollisionsrisiko zulassen.

Darüber hinaus scheint auch die zentrale Fundopferdatei der Vogelschutzwarte Brandenburg keinen zufriedenstellenden Anhaltspunkt für mögliche Kollisionen darzustellen. Greifvögel kollidieren zwar überproportional häufig an WEA, sind jedoch nach den Ergebnissen von PROGRESS in der genannten Liste deutlich über-, während andere Arten unterrepräsentiert sind.

Fazit für die Planungspraxis
Nach der Studie halten die Unsicherheitsfaktoren an, die eine artenschutzfachlich und-rechtlich verlässliche Planung von Windenergieprojekten auch in Zukunft schwierig gestalten. Es sind weiterhin weder hinreichend sichere Aussagen zu erwartbaren konkreten Kollisionsopferzahlen möglich, noch lassen sich pauschale Bewertungen eines möglichen signifikanten Tötungsrisikos ableiten. Die entwickelte Methode zur Suche von Kollisionsopfern ist aufwändig und laut eigenen Aussagen nur eingeschränkt einsetzbar. Trotz eines vielversprechenden Ansatzes bleibt es im Ergebnis überwiegend bei den bekannten Empfehlungen von Vorsorgemaßnahmen wie der Einhaltung von Abständen zwischen Brutplatz und WEA, ohne dass eine kritische Bewertung von diesen vorgenommen wird, sowie bei einem Verweis auf weiteren Untersuchungsbedarf.

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